„Und wieder explodiert es in mir.“

Vom Umgang mit Wut bei hochbegabten Kindern

Artikel erschienen in der Fachzeitschrift von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind „Labyrinth“, Mai 2008

Der Vorfall: Max kommt an einem Donnerstag fünf Minuten zu spät in die Schule. Da das die vorherigen Tage schon wiederholt vorgekommen ist, reagiert der Lehrer streng und droht mit Sanktionen. Daraufhin fängt Max an zu diskutieren, was dazu führt, dass er vom Lehrer vor die Tür geschickt wird. Max ist in diesem Moment schon in einem Zustand hoher Erregung. Als er wieder in die Klasse zurückgerufen wird, geht er auf seinen Platz, um von da aus seinen Lehrer zu beschimpfen. Als dieser das mitbekommt und ihn auffordert, den Ausdruck zu wiederholen, tut das Max auf aggressive Art. Auch vor dem Schulleiter, zu dem Max daraufhin geschickt wird, ist er nicht bereit einzulenken. Er wiederholt die Beschimpfung zwar nicht, ist aber auch nicht bereit, diese wieder zurückzunehmen.

In der Konsequenz wird er zunächst für diesen Tag von der Schule verwiesen. Max verbringt eine Stunde allein in einem Kaufhaus. Dort beruhigt er sich wieder. Obwohl er das nicht darf, kehrt er in die Schule zurück, um seinen Lehrer zu suchen. Er entschuldigt sich bei ihm. Dieser akzeptiert die Entschuldigung, sagt aber zu Max, dass er nach Hause gehen soll.

Die Sanktionen: Max wird für zwei Tage von der Schule suspendiert, er darf am dritten Tag erst zur dritten Stunde in die Schule kommen, da er den betreffenden Lehrer dann im Unterricht hat. Er soll sich vor der Klasse bei ihm entschuldigen.

Einen Tag später entscheidet die Jahrgangskonferenz, dass Max für sein Verhalten zwei Verweise bekommt, und es wird ihm nahegelegt, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Historie: Max hat in seiner schulischen Laufbahn immer mal wieder Wutausbrüche, bei denen es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen mit anderen Schülern kommt. In einem Fall wird er von seinen Mitschülern bei einer Gruppenarbeit ausgeschlossen, im anderen Fall zerreißt ihm ein Mitschüler sein Hemd, auf dem Schulhof wird er von Schülern aus der nächsthöheren Klasse beim gemeinsamen Tischtennisspielen seit Tagen geärgert, im nächsten Fall wird er von einem jüngeren Mitschülern in seinen Hoden getreten.

Auffallend ist, dass in allen vorgekommenen Fällen, die Aggression niemals von ihm ausgeht. Max wird jedoch in solchen Momenten in eine eigene Notsituation gebracht, in der er zu unangemessenen Reaktionen neigt. Diese Reaktionen sehen dann so aus, dass er sich mit starker körperlicher Vehemenz wehrt und sich auch von Lehrern kaum beruhigen lässt. Max entwickelt dann eine Wut, die er schlecht kontrollieren kann.

Im oben genannten Anfangsfalle gab es bei Max eine Reihe von Mutmaßungen, die er nicht äußerte, sondern die er für sich alleine klären wollte und die dazu führten, dass er eine Wut auf den Lehrer entwickelte, die dieser leicht hätte entschärfen können, wenn denn Max mit ihm darüber in Kontakt gegangen wäre.

(Ich bekomme wegen meines Zu-Spät-Kommens eine Verwarnung, da dies nicht die erste ist, zieht das einen Verweis nach sich, dadurch ist mein Verbleib auf der Schule gefährdet, ich bekomme ich Ärger mit meinen Eltern, dann steht für mich die Erfüllung eines sehr wichtigen Wunsches auf dem Spiel).

Die Sorge: Max ist ein hochbegabter Junge und befindet sich auf einer Schule, die sich auf den Umgang mit hochbegabten Kindern spezialisiert hat. In der Grundschule und in der ersten weiterführenden Schule, die er zuvor besuchte, war er in seinen Klassen zwar kein Außenseiter, aber er hatte auch keine Freunde.  Bedingt durch einen Umzug hatte er das Glück auf diese Schule zu kommen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist er in der Klassengemeinschaft voll integriert und hat zum ersten Mal Freunde. Die Klasse wird von hoch begabten und normal begabten Kindern besucht; die Freunde von Max sind ausschließlich hochbegabte Kinder.

Der eingangs beschriebene Vorfall macht einen Verbleib an der Schule schwierig. Obwohl von seiten des Kollegiums und der Schulleitung in Gesprächen signalisiert wurde, dass sie Max auf jeden Fall an der Schule halten wollen, so ist der Hinweis deutlich: Ändere dein Verhalten, sonst bist du an unserer Schule unerwünscht.

Aus Elternsicht ist dies eine katastrophale Drohung: Max will die Schule verlassen, da ihm der Druck zu hoch ist. Er ist davon überzeugt, dass er es nicht schaffen kann, sich immer konform zu verhalten. Gleichzeitig kann er aber nicht abschätzen, ob es ihm an einer anderen Schule besser gehen wird. Die schulischen Erfahrungen der Eltern lassen erheblichen Zweifel daran aufkommen.

Die Fragestellung: Ist Max nicht anzupassen an die Gesellschaft. Wenn er an einer Schule für Hochbegabte scheitert, wo ist dann seine Zukunft?

Über Wut: In ihrem Buch „der kleine Ärger und die große Wut“ beschäftigen sich Gabriele Frick-Baer und Udo Baer[i] ausschließlich mit dem Gefühl des Ärgers, der Wut und des Zorns. In Bezug auf Hochbegabung beschreiben sie anschaulich, mit welchen Hindernissen hochbegabte, hochsensible Menschen umgehen müssen:

„Auch die Hochsensibilität kann Beziehungen zu anderen Menschen stören, weil die sehr Empfindsamen vieles von anderen mitbekommen und oft nicht wissen, wie sie damit in Kontakt umgehen sollen. Sie stauen ihre Reaktionen und Resonanzen oft in sich auf, woraus diese dann manchmal, unberechenbar für sie selbst und andere, hervorbrechen.“

Max hat aufgrund einiger Erfahrungen für sich den Schluß gezogen, dass es schwer ist, zu anderen Menschen Vertrauen aufzubauen. In der Folge ist er gewohnt, Konflikte für sich selbst zu lösen. Gelingt ihm das nicht, kommt es zu oben genannten Ausbrüchen. Bei diesen „Explosionen“ erlebt er aus seinem Umfeld heraus, dass er etwas „Böses“ tut, dass er sich nicht adäquat verhält.

Aufgrund seiner einsamen Schulentwicklung hat er für sich akzeptiert, dass er sich in manchen Bereichen anders als andere verhält. Meistens tut er das wortlos und zurückgezogen. Doch es gibt Momente, da kann er sich nicht mehr zurückhalten und es explodiert in ihm. Durch die Form, die er in solchen Ausbrüchen verwendet, schreckt er ab und bekommt in jedem Fall eine negative Resonanz. Diese Resonanz jedoch vertieft bei ihm das Gefühl, dass es sich nicht lohnt in Kontakt mit anderen zu gehen.

Max befindet sich somit in einem Teufelskreis:

Er findet keine Form, in der er sich mitteilen kann, wenn er sich in Not befindet. Aus diesem Unvermögen heraus, ist es ihm, als pubertierender Jugendlicher, nicht möglich den Kontakt zu suchen, bevor die Situation bei ihm eskaliert.

Die Konsequenzen: Von seiten der Schule besteht der dringende Wunsch, dass Max sich in Therapie begibt, da er es nicht schafft in Notsituationen ein adäquates Verhalten zu zeigen.

Aber wie definiert sich adäquates Verhalten?

Muss das Kind unbedingt therapiert werden oder sollte zumindest im Zusammenhang damit nicht auch überdacht werden, mit welchen Grenzen dieser Mensch immer wieder umzugehen hat.

Wird Max nicht allein gelassen damit, wenn ihm signalisiert wird:

Mach du mal dein Verhalten mit dir allein aus?

Durch die Form der Strafe kam es zu einem Kontaktabbruch mit dem eigentlichen Verursacher der Wut. Und gewollt oder ungewollt, wird Max damit impliziert: Dich trifft die alleinige  Schuld. Max bekommt für die konkrete Wut eine abstrakte Strafe, die ihn letztlich allein lässt und ihn als „Bösewicht“ abstempelt. Es kommt im Nachklang nicht zu einer Aussprache zwischen Lehrer und ihm, sondern er wird von einem Gremium beurteilt, das besetzt ist von Menschen, die wenig oder gar keinen Kontakt zu ihm haben. Somit ist die Aussage deutlich: Wir wissen für dich, wie du zu sein hast, wir können es beurteilen, weil wir zu einer Institution gehören.

Die Vision: Hochbegabte Kinder, insbesondere, wenn sie sich in pubertären Unwägbarkeiten befinden, führen ihr Leben nicht immer auf der Sonnenseite. Es ist ein Leben, das oft von Einsamkeit begleitet ist, da es mit Gefühlen verbunden ist, die sehr ausgeprägt und existentiell sein können.

Noch einmal Udo Baer und Gabriele Frick-Baer:

„Im Grunde sind auch Hochsensible, Hochbegabte und/oder Powerknubbel zumindest auf Dauer nicht in der Lage, sich zurückzuhalten, so tapfer sie es auch versuchen. Entweder strahlen sie aus, dass sie sich zurückhalten, und andere spüren den dabei anstehenden Druck (was sie selbst gerade nicht  wollen). Oder sie explodieren irgendwann in Ärger und Wut nach außen. Oder sie richten diese Gefühle nach innen gegen sich selbst, dagegen, dass sie so „unmöglich“, dass sie „falsch“, dass sie „nicht aushaltbar“ sind.“[ii]

Sie brauchen im Umgang Erwachsene, die sich dessen bewusst sind und die bereit sind, sich auf die Besonderheiten dieser Menschen einzulassen.

Sie brauchen Menschen, die sich nicht von der Vehemenz eines Wutausbruches täuschen lassen, die dahinter den Hilfeschrei sehen, der auf jeden Fall mitschwingt, und die bereit sind, sich der Stärke dieses Gefühls zu stellen. Konkrete Wut braucht konkrete Reaktionen: Ein Gegenüber, das vermittelt, mir machst du keine Angst mit deiner Wut, und du bist wegen deiner Wut kein schlechter Mensch.

Es ist wichtig und gut, wenn es Therapeuten gibt, die die Kinder in diesen Prozessen begleiten.

Aber auch die Schule als Institution ist gefragt. Natürlich ist sie in ihren Möglichkeiten begrenzt, sie kann nicht auf jedes Kind in allen Situationen einzugehen. Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn es für die Lehrer in diesem Bereich Supervision gäbe. Eine Supervision, die die Fragen bearbeitet: Was löst Wut bei mir aus, welche Ängste werden bei mir freigelegt, in welcher Form lasse ich Wut zu, und wann wird sie für mich selbst zur Bedrohung.

Damit ein Boden geschaffen wird, den Kontakt mit den Kindern in Krisenssituationen halten zu können, auch wenn sie sich in diesen nicht adäquat verhalten.

Denn den Kindern ist am meisten geholfen, wenn sie für ihre Wut im direkten Kontakt ein klares Gegenüber bekommen. Es hilft ihnen wenig, wenn sie für ihr Verhalten, das für sie selbst problematisch ist, im Nachhinein noch nachhaltig bestraft werden.

Dein Verhalten wirft Fragen auf und wir sind bereit, diese im Kontakt mit dir zu klären.

Das ist die Botschaft, die nötig ist, um den Teufelskreis aus Fehlverhalten und dem daraus resultierenden Selbstwertverlust zu durchbrechen.

Die Autorin ist Gestalttherapeutin, Mutter von drei hochbegabten Kindern und hat in ihrer beruflichen Praxis Erfahrung mit Kindern gesammelt, die mit ihrer Wut in der Schule anecken.


[i] Der kleine Ärger und die große Wut, Udo Baer/Gabriele Frick Baer, Affenkönig-Verlag, 2005, S. 40/41

[ii] Der kleine Ärger und die große Wut, Udo Baer/Gabriele Frick Baer, Affenkönig-Verlag, 2005, S. 41/42