Sieben Worte

„Ich verschwinde jetzt“, dachte sie voller Verwunderung.

„Ich sitze jetzt hier, gleich werde ich aufstehen und dann werde ich einfach verschwinden.“

Sie spürte die Demütigung am ganzen Leib, als sie sich langsam aus dem Sessel erhob und mit steifen Schritten zur Tür des Büros ging. Sie blickte sich nicht noch einmal um, als sie das Zimmer ihres Chefs verließ, für den sie bis eben sieben Jahre gearbeitet hatte. Ab jetzt war sie zu alt für diesen Laden, für den sie sieben lange Jahre ihre Arbeitskraft, ihre Freizeit, ihre Ehe, ihr Leben geopfert hatte.

Sieben Worte gingen ihr durch Kopf, als sie müde lächelnd das Großraumbüro durchquerte, um ihren Arbeitsplatz für immer zu verlassen. Sieben Worte. Für jedes Jahr eines.

Ich …

Das gesamte Personal zuckte zusammen. Alle hatten den lauten Knall gehört, der aus dem Büro des Chefs kam. Aber keiner wagte sich zu ihm ins Zimmer. Eine bleierne Lähmung hatte sich über alle gelegt.

Das letzte Mal, als sie diesen Knall gehört hatten, war Kopper mit einem blauen Auge davongekommen. Wie sich bald herausstellte hatte jemand auf ihn geschossen. Doch dieser jemand war entweder ein gnadenlos schlechter Schütze oder hatte absichtlich daneben geschossen: Die Kugel war weit entfernt von seinem Schreibtischstuhl, auf dem  er gerade gesessen hatte, in der Wand eingeschlagen.

Nach ein paar Minuten, die allen im Großraumbüro wie eine Ewigkeit vorkamen, öffnete sich die Tür seines Büros. Leichenblass erschien er im Rahmen:

„Wieder daneben“,  erklärte er mit zitternder Stimme, bevor er vor den Augen der Belegschaft zusammensackte.

… werde …

Nervös zog Kopper an seiner Zigarette, während ihn der Kommissar über die Umstände des dritten Anschlages befragte. Seit dem zweiten Anschlag waren erste wenige Tage vergangen, und doch hatte der Idiot ein weiteres Mal gewagt, auf ihn zu schießen. Erneut hatte der Schütze keine Chance gehabt, denn die Scheiben waren in schusssichere ausgetauscht worden. Nur ein kleiner Splitter deutete auf das Verbrechen hin.

Diesmal hatte der Täter gewartet, bis das Büro leer und Kopper allein war.

Wer zum Teufel war so dreist und schoss auf ihn? Nun schon zum dritten Mal?

„Wir sollten diesen dritten Anschlag geheim halten. Nur so haben wir eine Chance herauszubekommen, ob der Schütze eventuell aus der Reihe Ihrer Angestellten kommt.“

„Sie meinen, einer meiner Angestellten könnte…?“ Verächtlich schnaubte Kopper. „Von denen traue ich das keinem zu. Dazu fehlt ihnen der Grips. Es gehört schon etwas mehr dazu, einen wie mich beiseite zu räumen.“

Er drückte die Zigarette in seinem Aschenbecher aus, während er den Kommissar abfällig anschaute. Der gehörte auch nicht zu den hellsten seiner Sorte, soviel war klar. Er rieb sich den Kopf. Seit der Idiot es auf ihn abgesehen hatte, wurde er von verdammten Kopfschmerzen geplagt. Er konnte sich kaum noch auf sein Geschäft konzentrieren.

„Also gut.“ Kopper lehnte sich in seinem Arbeitsstuhl zurück. „Halten wir es geheim. Wenn Sie glauben, dass das etwas bringt. Allerdings gibt es aus meiner Sicht nur eine, der ich diesen Mist wirklich zutrauen würde. Aber die arbeitet hier schon seit Monaten nicht mehr. Finden Sie die mal und befragen die.“

Er kaute an seinem Fingernagel, dann fuhr er in gereiztem Ton fort. „Tun Sie endlich was für Ihr Geld. Und jetzt  entschuldigen Sie mich, ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir.“

… Dich …

In den Alpträumen, die ihn neuerdings plagten, erschien jetzt regelmäßig das Gesicht von einer Frau.

Jedes Mal war sie gerade dabei, sein Büro zu verlassen, doch bevor sie die Tür erreichte, drehte sie sich noch einmal um, und ihre Lippen formulierten Worte, die er aber nicht verstand.

Sie war aus dem Land verschwunden. Die Ermittlungen der Polizei hatten ergeben, dass sie nach ihrer Entlassung das Land verlassen hatte und zu ihren Eltern nach Mallorca gezogen war, die dort ihren Lebensabend verbrachten.

So konzentrierten sich die Beamten auf das Umfeld des Werbefachmannes. Doch obwohl er keinesfalls beliebt war und einige aus seinem Bekanntenkreis ein Motiv gehabt hätten, kam die Polizei nicht weiter.

… mit Deinen …

Zunächst war unklar, ob es ein versuchter Selbstmord oder ein erneuter Mordanschlag war, als er mit einer Überdosis Schlaftabletten in das Krankenhaus eingeliefert wurde. Denn die Polizei fand keine Spuren, die auf eine Fremdeinwirkung hinwiesen.

Seit den Gewehrschüssen hatte er sich verändert. Aus dem Draufgänger, der mit selbstbewusst arroganter Haltung jeder  Herausforderung gegenübertrat, war ein nervöser Choleriker geworden, der zu Kurzschlussreaktionen neigte. Das war auch dem Kommissar nicht verborgen geblieben.

Als dieser ihn mit der Frage konfrontierte, ob er sich selbst das Leben hatte nehmen wollen, bekam er – trotz seiner Schwäche – einen hochroten Kopf.

„Wie können Sie es wagen, mir zu unterstellen, dass ich mir das Leben nehme. Sehe ich etwa aus wie ein Selbstmörder, sehe ich etwa so aus?“

Er war extrem empört über die Unterstellung.

„Finden Sie endlich diese Schlampe und lassen Sie mich mit ihrem psychologischen Scheiß in Ruhe. Ich weiß, dass sie es war. Ich weiß es. Warum buchten Sie sie nicht endlich ein. “

Er behauptete steif und fest, dass er sich nicht selber die Schlaftabletten in den Whiskey getan hatte, allerdings konnte auch nicht nachgewiesen werden, dass irgendjemand anderes dies getan hatte.

So blieben bei der Polizei Zweifel offen.

Aber die Frau, die er beschuldigte, war in Mallorca.

… Methoden …

Es war schon schlimm genug, dass er keine Nacht mehr ruhig schlafen konnte. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Er fing an, Fehler zu machen. Das war schlecht. Sehr schlecht sogar. Nicht mehr lange, und seine Kunden würden das mitbekommen. Die Konkurrenz war groß, Fehler durften nicht sein, Fehler führten sofort dazu, dass er draußen war aus dem Geschäft.

… vernichten.

Als man ihn zerschmettert auf der Straße fand, hatte er gerade erfahren, dass sein größter Kunde sich eine andere Werbeagentur gesucht hatte. Die Dachterrasse des Hauses, in dem sich sein Büro befand, war von außen abgeschlossen, so dass ausgeschlossen werden konnte, dass ein anderer ihn in die Tiefe gestürzt hatte. Der Schlüssel wurde in seiner Hose gefunden, als man ihn für die Obduktion freigab.

Es war eine große Beerdigung, obwohl er keine Familie hatte. Sämtliche Kunden, frühere Kollegen, jetzige Angestellten waren erschienen. Unter ihnen befand sich eine schlanke Frau, die in einem dezenten schwarzen Kostüm lange am Sarg des Verstorbenen stehen blieb.

Als der Kommissar sie am Ausgang des Friedhofes ansprach, wirkte sie wenig überrascht.

„Er hat mich nicht besonders gemocht, müssen Sie wissen.

Mich wundert nicht, dass er mich in Verdacht hatte. Trotzdem Ich hätte nicht gedacht, dass er mir soviel zutraut. Obwohl ich sieben Jahre für ihn gearbeitet und mir den Arsch für ihn aufgerissen habe. Na ja, da sehen Sie mal, wie man sich täuschen kann.

Aber wissen Sie, nach drei Mordanschlägen mit dem Gewehr ist es doch nur natürlich, wenn einem die Nerven durchgehen. Mir wäre das auch zuviel. Dass er danach nicht mehr derselbe war, wundert einen ja nicht.“

Sie zuckte kaum merklich mit den Brauen, als der Kommissar die Handschellen zog, um sie abzuführen.

Zwei Mordanschläge, drei Mordanschläge? Was machte das schon für einen Unterschied?

In ihrem Fall ein paar zusätzliche Jahre Freiheitsentzug.