Magier wider Willen

Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein Zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und sah einen kleinen Jungen in einem Lichtkegel, der mich neugierig anblickte.
„Hallo. Schön, dass du wach bist.“
„Wer bist du? Was willst du hier?“
„Ich wollte, dir sagen, dass ich deine Entschuldigung akzeptiere.“
„Was soll das? Es ist mitten in der Nacht. Ich kenne dich nicht. Verschwinde gefälligst.“
Ich wollte aufstehen und ihn packen, aber ich kam nicht aus dem Bett heraus. Eine unsichtbare Kraft hinderte mich daran.
„Ich glaube schon, dass du mich kennst. Naja, genau genommen, ist es wohl eher so, dass ich dich kenne. Aber vielleicht hilft es dir ja, wenn ich dir sage, dass wir uns in der U-Bahn getroffen haben. Also eigentlich haben wir uns einmal gesehen, und um es exakt zu sagen, wir haben uns gestern kennengelernt.“
Ich blickte ihn wütend an, etwas anderes konnte ich auch nicht machen. Ich kam ja nicht aus dem Bett.
„Du bist doch der unverschämte Junge, der der alten Dame keinen Platz gemacht hat.“
„Genau. Ich wusste doch, dass du dich bald an mich erinnern würdest. Der Klaps, den du mir gegeben hast, war nicht von schlechten Eltern. Genau genommen hat er ziemlich wehgetan.“
„Ich brauch`s ja wohl auch nicht zu bereuen. Jetzt kommst du schon mitten in der Nacht und reisst mich aus dem Schlaf. Verschwinde jetzt endlich und lass mich in Ruhe. Verdammt noch mal.“

Langsam wurde ich wütend. Wie absurd war das denn? Ich saß hier in meinem Bett gefangen und musste mich mit einem Balg auseinandersetzen, der mich mit seinem verdammten Lichtschein auch noch blendete.
Fridolin tauchte plötzlich aus seinem Körbchen auf. Aber anstatt den Jungen anzukläffen, wie er es sonst mit jedem Fremden tat, stolzierte er in den Lichtkreis und schmiegte sich an den Jungen, der ihn sofort zärtlich streichelte.
Es reichte mir langsam. „Fridolin, komm sofort her. Und du, verschwinde endlich.“
„Es tut mir leid, dass du so wütend bist. Weißt du, ich war auch ganz schön wütend, als du mich da in der U-Bahn vor allen Leuten geschlagen hast. Aber um bei der Wahrheit zu bleiben: Das hat gar nicht so weh getan. Viel schmerzhafter war es, dass alle Leute um uns herum dir auch noch zugestimmt haben. Aber dafür kannst du ja nichts “
„Natürlich haben mir alle Leute zugestimmt. Da steht eine alte Dame, offensichtlich gehbehindert mit ihrem Stock, und du hast die Frechheit sitzen zu bleiben. Und als du aufgefordert wirst gefälligst aufzustehen, antwortest du: `Marita weint wegen dir.`“
Mir war das peinlich. Dieser Junge reizte mich zur Weißglut. Nicht nur hier, das hatte er auch schon in der U-Bahn getan. Es stimmte. Ich hatte unvermittelt diesen mir völlig unbekannten Jungen geschlagen. Aber wie kam er auch dazu, den Namen meiner Ex-Frau in den Mund zu nehmen. Sie weinte nicht um mich. Sie hatte mich betrogen, soviel stand fest, da würde sie ganz bestimmt nicht wegen mir weinen.

Und überhaupt, was ging das diesen Rotzjungen an? „Es geht mich nichts an. Mich gehen viele Dinge nichts an, auch wenn ich sie trotzdem sehen kann. Zugegeben, mir fällt es manchmal wirklich schwer, das gut trennen zu können. Aber in diesem Fall, finde ich, geht es mich schon etwas an. So weit ich mich erinnern kann, hast du mich geschlagen.“ „Du bist frech gewesen, da kann dir so ein kleiner Klaps nicht schaden.“
Ich würde ganz sicher nicht zugeben, dass mir das leid tat, dass es mir schon in der U-Bahn leid getan hatte.
„Ich weiß, dass es dir leid getan hat. Deswegen bin ich ja jetzt hier. Ich möchte dir etwas zeigen. Ich möchte dir zeigen, wie es der Frau geht. Nur für einen Moment. Länger will ich dir das nicht zumuten.“
Es blieb mir keine Wahl. Ohne dass ich es entschieden hatte, wurde ich durch eine magische Kraft in den Kreis gezogen, in dem Fridolin so friedlich schlief.
Es war die Hölle.
Mit einem Schlag war es unmenschlich laut um mich herum. Ich hörte Stimmen über Stimmen, unendlich viele Stimmen prasselten auf mich ein. Ich wurde von einer gigantischen Geräuschkulisse übermannt, die mich sofort in einen panikartigen Zustand versetzte. Ich versuchte mich aus dem Kreis zu entfernen, aber es ging nicht, ich war gefangen neben diesem komischen Kauz.
„Ruhig, ganz ruhig. Du musst versuchen, dich zu konzentrieren.“ Wie durch einen Nebel hörte ich seine Stimme.
„Was soll das? Lass das! Ich möchte hier raus!“
Der Junge blickte mich regungslos an. „Du musst dich konzentrieren.“
„Konzentrieren! Worauf denn? Worauf verdammt soll ich mich konzentrieren?“
„Ruf dir die Frau in der U-Bahn ins Gedächtnis.“

Allein die Erwähnung der Frau ließ sie plötzlich vor meinen Augen auftauchen. Sie lag bleich in ihrem Bett. Über diesem war ein Gerüst angebracht, dass ihr beim Aufstehen helfen sollte. Daneben lehnte der Gehstock. Die Frau träumte. Ich konnte ihren Traum sehen und plötzlich wusste ich, dass er sie schon seit Wochen im Schlaf quälte: Die Frau fiel aus dem ersten Stock ihres kleinen Reihenhauses. Sie lag auf dem Boden und hatte starke Schmerzen. Schlagartig spürte ich diese Schmerzen an meinem Körper.
Was sollte das?
Es war ein Traum von einer Frau, die ich nicht einmal kannte: Und ich hatte Schmerzen, die mir unerklärlich waren. Ich wollte sofort aus diesem verfluchten Kreis raus.
„Denk an etwas anderes. Das wird helfen.“
Der Junge saß neben mir und rührte sich immer noch nicht.
„Du kannst ja an Marita denken, aber ob dich das erfreut?“
Marita war da. Ein Glück, diese körperlichen Schmerzen hörten sofort auf, dafür wurden sie abgelöst von einem anderen Schmerz, einem diffuseren.
Marita weinte im Schlaf. Von Zeit zu Zeit seufzte sie auf und flüsterte meinen Namen. Seitdem sie mich mit dem anderen Mann betrogen hatte, und ich ausgezogen war, hatte ich sie nicht mehr gesehen. Ich wollte mir nicht ansehen, wie sie glücklich mit ihm zusammen lebte. Ich sah sie in unserem früheren Schlafzimmer. Sie war allein.
Schlagartig hatte ich keine Schmerzen mehr.
Ich befand mich wieder auf dem Bett. Der Junge saß wieder vor mir in seinem Kreis.

„Ich glaube, das genügt fürs Erste. Ich habe dir ja schon gesagt, dass ich deine Entschuldigung annehme. Du warst gestresst, weil du gerade in dem Moment an Marita gedacht hast, als ich sie erwähnte. Das war kein Zufall. Das wollte ich dir mit meinem Besuch erklären. Ich weiß, was in den Menschen vor sich geht. Ich sehe es, ich höre es, ich spüre es. Und ob ich es will oder nicht. Ich kann es nicht ablegen. Die alte Frau zum Beispiel darf schon seit Wochen nicht mehr sitzen. Nach ihrem Sturz darf sie für Monate nur stehen und liegen, sonst schadet sie ihrem Rücken. Da helfe ich ihr nicht, wenn ich ihr einen Platz anbiete. Auch wenn sie erschöpft ist von diesem Sturz und von ihrem Leben.“
Warum konnte er mich nicht endlich in Ruhe lassen? Ich spürte zunehmend, wie sehr mich dieser Besuch aufwühlte.
„Das verstehe ich gut. Ich werde auch gleich wieder weg sein. Ich habe nur eine Bitte. Lass andere in Ruhe, wenn du nicht beurteilen kannst, was in ihnen vorgeht.“
Mit diesen Worten verschwand der komische Kauz.
Nachdem ich das ganze Haus nach ihm abgesucht hatte, dicht gefolgt von Fridolin, legte ich mich ins Bett.
Ich versuchte zu schlafen. Morgen hatte ich etwas Wichtiges vor.
Ich musste Marita besuchen.