Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Benni schlendert die Straße entlang. Er ist total sauer. Wütend stößt er seinen Fuß gegen einen Stein. Selbst zum Fußballtraining darf er nicht mehr gehen, seitdem seine blöde Schwester auf der Welt ist.

“Benni, du musst das verstehen. Wir haben einfach keine Zeit, dich zu fahren. Wir sind froh, wenn wir die weite Fahrt vom Krankenhaus hinter uns haben, dann können wir nicht auch noch übers Land fahren zu deinem Training. Aber wenn Antonia erst mal zu Hause ist, wird alles wieder besser. Du wirst deine Schwester lieben. Sie ist so süß.” Jeden Abend hört er von seinen Eltern die gleichen Ausreden: “Benni, du musst dies verstehen, du musst das verstehen.”

Alles ist anders, seitdem dieses kleine Biest da ist. Anstatt normal auf die Welt zu kommen, liegt sie jetzt seit Wochen im Brutkasten. Zu früh ist sie gekommen, auch das noch. Mama wollte gerade mit ihm ins Schwimmbad, als sie plötzlich wahnsinnige Bauchschmerzen bekam. Kurze Zeit später war der Notarztwagen da – und seitdem hat er Mama kaum noch gesehen.

Stattdessen muss er seine Nachmittage bei dieser blöden Kuh von Nachbarin verbringen. “Nein, Benny, deinen Gameboy brauchst du gar nicht erst mitzubringen. Diese Dinger kann ich einfach nicht leiden.” Und was gibt es stattdessen? Sie liest ihm jeden Mittag nach dem Essen ein Märchen vor. Ihm. Einem Jungen von fast neun Jahren.

Was war es heute? Schneewittchen und die sieben Zwerge. Also bitte, wenn das nicht zum Heulen ist.

Es muss doch eine Lösung geben, dass er wenigstens für kurze Zeit wieder wichtig ist. Mehr will er gar nicht. Soll doch diese Schwester auf der Welt sein. Aber muss er deswegen völlig in Vergessenheit geraten?

Benni schießt wieder. Diesmal trifft er keinen Stein, ein Apfel kullert vor ihm die Straße lang.

Er hatte doch vor kurzem etwas über einen Apfel gehört. Was war das noch?

Ach richtig, in dem Märchen war auch ein Apfel vorgekommen. Diese Prinzessin wurde von der Königin vergiftet, bis sie von einem Prinzen wachgeküsst wurde. Diese wunderschöne und alles übertreffende Prinzessin. Die war gerade wie seine Schwester, auch so eine blöde Ziege.

Benni bleibt stehen und hebt den Apfel vom Boden auf. Während er ihn in seinen Händen hält, kommt ihm eine Idee.

Er könnte doch seiner Schwester auch einen vergifteten Apfel zu essen geben. Sie soll ja nicht sterben, das ist nicht nötig, aber wenn sie eine Zeitlang schliefe, das wäre gar nicht schlecht. So lange die Eltern denken, dass sie tot ist, brauchen sie sich nicht mehr um sie kümmern und sie hätten wieder mehr Zeit für ihn.

Und dann, wenn Benni das will, erweckt er sie wieder zum Leben, gerade wie der Prinz.

Er bringt sie nach Hause und wird ein richtiger Held.

Seine Idee gefällt ihm ausgesprochen gut. Er muss sich nur noch überlegen, wie er den Apfel seiner Schwester gibt, ohne dass ihn jemand dabei beobachtet.

Oh, das hat er ganz vergessen. Sie kann ja noch gar nichts essen, sie trinkt nur die Milch von seiner Mutter. Mist. Er kann ja schlecht seine Mutter vergiften, damit diese dann seine Schwester vergiftet. Nein, das geht nicht.

Benni schleudert den Apfel mit einem erneuten Wutanfall in den Acker. Ihm fällt einfach nichts ein, wie er seine Eltern dazu bekommen kann, sich wieder mit ihm zu beschäftigen.

Als Benni in die Straße biegt, steht das Auto seiner Eltern vor der Tür. Komisch. Sie haben doch gesagt, dass es wieder spät wird und dass er bei der Nachbarin seine Hausaufgaben machen und dann mit ihr zu Abend essen solle.

Benni geht nach Hause. Am Fenster steht seine Mutter und schaut ihn an. Aber sie reagiert gar nicht. Sie sieht einfach durch ihn hindurch. Er klingelt. Es dauert eine Weile, bis sein Vater die Tür öffnet. Wortlos nimmt er seinen Sohn in die Arme und drückt ihn ganz fest an sich. Aber es ist nicht so wie sonst, wenn sein Vater ihn drückt und dann vielleicht sogar durch die Luft schleudert.

Nach einer ganzen Weile bückt sich sein Vater und schaut Benni mit rotgeränderten Augen an:

“Ich muss dir etwas sehr Trauriges sagen! Deine Schwester ist tot. Sie ist heute Nachmittag gestorben.”

Gestorben?

Das ist nicht richtig. Das will Benni nicht. Er will, dass sie schläft, und er will, dass seine Eltern Zeit für ihn haben, aber er will nicht, dass Antonia tot ist.

Benni geht, ohne ein Wort zu sagen, an seinem Vater vorbei in sein Zimmer. “Benni …”, seine Mutter ist aus dem Wohnzimmer gekommen.

“Lass ihn, er braucht jetzt seine Ruhe!”

An diesem Abend sitzen Bennis Eltern noch lange im Wohnzimmer. Ein Stockwerk über ihnen liegt Benni in seinem Bett und weint.